17. März 2022

Große Herausforderungen im Zollwesen durch internationale Sanktionen

Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat auch massive Auswirkungen auf die Logistikbranche. So haben aktuell etliche Carrier ihre Zustelldienste ausgesetzt und halten Sendungen, die sich bereits im Versand befinden, bis auf weiteres im Netzwerk zurück. Ebenso laufen etliche Reedereien Häfen nicht mehr an und Lufträume sind gesperrt. Spürbare Auswirkungen auf den internationalen Warenverkehr haben aber auch die Sanktionsmaßnahmen, die als Folge des Angriffs von den westlichen Staaten gegen Russland verhängt worden sind. Sophia Stirm, Head of Solutions Customs & Trade und Maja Kuhnt, Head of Competence Center Customs & Trade bei Arvato Arvato Supply Chain Solutions erläutern die aktuelle Situation.

Maja Kuhnt, Head of Competence Center Customs & Trade
Sophia Stirm, Head of Solutions Customs & Trade
Welche Auswirkungen sind im internationalen Warenverkehr spürbar?

Die Transporte in und aus der Ukraine, Russland und Belarus sind massiv betroffen. So haben beispielsweise Carrier wie UPS und DHL ihre Sendungstransporte ausgesetzt. Was auf dem Landweg noch möglich ist, klären wir jeweils aktuell mit unserer Transportmanagement-Abteilung, vorrangig für medizinische Güter. Aktuell gibt es aber große Abfertigungsprobleme an den westukrainischen Grenzen. Auch nach Russland haben viele Carrier ihre Sendungstransporte bis auf weiteres eingestellt. Unser Transportmanagement hat dazu intern eine aktuelle Übersicht mit den Stellungnahmen der einzelnen Carrier erstellt.

Massiv betroffen sind die Seefracht und der Luftverkehr. Ukrainische Häfen werden von den Reedereien nicht mehr angelaufen, Flüge können den gesperrten ukrainischen Luftraum nicht mehr passieren und werden umgeleitet. Nach Informationen unserer Mitarbeiter in Russland sind anscheinend auch die Häfen und Flughäfen in Russland gesperrt. Unklar ist weiterhin, ob die Sperrungen nur für europäische Lieferungen gelten oder auch Warensendungen aus China und anderen Ländern betroffen sind.

Darüber hinaus gibt es Meldungen, dass aktuell auch Cyberattacken auf ukrainische, aber auch russische Speditionsunternehmen durchgeführt werden. Ich denke, hier zahlt es sich aus, dass wir extrem viel in unsere IT-Security investiert haben – nicht nur im Transportmanagement.

Welche Geschäfte sind betroffen?

Aktuell besteht kein generelles Ausfuhrverbot gegen bestimmte Länder. Daher handelt es sich um Einzelfallprüfungen und grundsätzliche Geschäftsentscheidungen auf ethisch/moralischer Basis.

Unsere Ausfuhrlieferungen sind daher aktuell nicht von den Sanktionen betroffen und die Einfuhren nur in geringem Maße. Dies betrifft insbesondere Einfuhren von Holzartikeln aus Belarus. Hier konnten wir frühzeitig den Einkauf sensibilisieren und mit unseren Kunden neue Strategien entwickeln. Nichtsdestotrotz sind die Sanktionen in allen Geschäften zu spüren und betreffen nun nicht mehr nur die Regionen Donezk und Luhansk, sondern auch Russland und Belarus. Besonders starke Auswirkungen haben die Finanzsanktionen, die auch russische Beteilungen umfassen. Diese sind aus EU-Sicht sehr umfangreich, so dass gerade beim Compliance Screening mehr Prüfungen erforderlich sind. Das funktioniert bei uns zwar reibungslos, doch allein Ende Februar gab es bei den EU-Sanktionen in kürzester Zeit mehr als 50 Updates.

Wie stellt sich das genau dar – stapeln sich bereits Waren?

Viele unserer Kunden haben ihre Sendungen nach Russland, die Ukraine und Belarus komplett eingestellt und ihre Onlineshops vor Ort deaktiviert. Bei einigen Kunden, die weiterhin liefern, erfolgt die Sendungsprüfung in enger Abstimmung mit den Kunden. Jede Sendungslieferung ist hier eine Einzelfallentscheidung. Auch bei der Carrierwahl muss sehr genau geschaut werden, da die größten Anbieter, die wir einsetzen, ja nicht mehr in die betreffenden Gebiete liefern.

Wie können Kunden aktuell unterstützt werden?

Seit Inkrafttreten hat die Customs & Trade-Abteilung konstant und konsequent die neuen Sanktionen betrachtet und geprüft, inwieweit unsere Geschäfte und Kunden betroffen sind. Wir stehen im engen Austausch mit den Kunden und besprechen das weitere Vorgehen. Durch unsere Expertise konnten wir die Auswirkungen bisher gut bewerten und haben für uns eine Übersicht der zu beachtenden Sanktionen erstellt. Unsere Customs & Trade-Abteilung ist hochspezialisiert und kümmert sich im normalen Kunden- und Tagesgeschäft um sämtliche zollrelevante Themen und Außenhandelsangelegenheiten. Dazu gehört auch die Kontrolle von Außenhandels- und Compliance-Regelungen. Mit unserer Expertise können wir auch die neuen Verordnungen und Sanktionslisten sehr schnell ins System einpflegen und mit Bestellungen abgleichen. Das ist zwar ein hoher Aufwand, der von den Kunden aber geschätzt wird, da wir Unternehmen so vor enormen Schäden bewahren. Für Kunden weltweit sind wir mittlerweile der Spezialist, der sich nicht nur in den beiden Themen Logistik und Zoll außergewöhnlich gut auskennt, sondern der vor allem auch kundenindividuell agieren kann. Gepaart mit unserer Erfahrung und dem Know-how, das wir uns in den Jahren erarbeitet haben, ist diese Kombination einmalig und macht uns für viele Unternehmen unentbehrlich. Daher können wir unsere Kunden auch bei möglichen weiteren Sanktionen beraten, die gegen Russland und auch Belarus diskutiert werden.

Was passiert bei Nichtbeachtung von Sanktionsregeln?

Verstöße gegen Außenwirtschaftsrecht stellen immer eine Straftat dar – mit erheblichen finanziellen Folgen bis hin zu Gefängnisstrafen. Darüber hinaus kann bei vorsätzlichem Handeln das jeweilige Unternehmen selbst auf eine Sanktionsliste gesetzt werden. Um dem entgegenzuwirken führen wir ein extrem starkes Monitoring durch, um unsere Kunden zu beraten und im schlimmsten Fall durch eine Selbstanzeige vor Strafen schützen zu können.

Wie werden die neuen Anforderungen umgesetzt?

Um die neuen Vorgaben und Anforderungen schnell umsetzen zu können, arbeiten alle Beteiligten eng zusammen – Customs & Trade, das Transportmanagement, das Account Management des jeweiligen Kunden sowie unsere IT. Wir haben aktuell in unserer Zollsoftware vorsorglich eine Ländersperre für Russland, Belarus und die Ukraine eingesetzt, um dann Fall für Fall zu prüfen. Jede Sendung in diese Gebiete ist eine Einzelfallentscheidung und wird von unserem geschulten Trade-Personal genauestens auf Konformität mit den Sanktionen geprüft.

Wie werden die jeweils gültigen Informationen beschafft und aktualisiert?

Wichtigste Quelle sind die Seiten der Behörden. Wir orientieren uns an dem Amtsblatt der EU auf EUR-LEX. Erst wenn die Sanktionen dort veröffentlicht worden sind, sind diese tatsächlich rechtskräftig. Informationen aus den Medien, dass beispielsweise Sanktionen einheitlich beschlossen worden sind, schärfen zwar den Blick, reichen aber nicht aus um rechtlich bindend zu sein. Wir müssen also bei jeder Information und jeder Quelle genau hinschauen.

Sie haben ein konkretes Anliegen? Sprechen Sie mich an!

Sonja Groß

Marketing & Communications