Brexit

Für alle Fälle gerüstet

Großbritannien wird die EU verlassen. Sollten die Verhandlungspartner aus Brüssel und London bis spätestens zum 31. Oktober 2019 keinen vertraglich geregelten Brexit herbeiführen können und auch eine Verschiebung des Austrittstermins scheitern, droht der „No Deal“-Brexit. Das würde gravierende Konsequenzen für den weltweiten Handel und damit auch für die Logistik bedeuten. Bereits vor über einem Jahr hat Arvato Supply Chain Solutions deshalb erste Maßnahmen eingeleitet, um unsere Kunden bestmöglich auf dieses Szenario vorzubereiten.

„Ausgehend vom Austrittsdatum haben wir rückwärts gerechnet, wann wir spätestens mit den Vorbereitungen starten müssen, um mit den verfügbaren Ressourcen möglichst viele Kunden zu bedienen“, erläutert Sonja Holz, Director Customs & Trade bei Arvato Supply Chain Solutions. Seit April 2018 fanden bereits interne Meetings und Webinare statt, in denen die unterschiedlichen Austrittsszenarien vorgestellt und durchgespielt wurden. Regelmäßige und detaillierte Kommunikations-Updates im Anschluss informierten danach intern die zuständigen Mitarbeiter in den verschiedenen Geschäftsbereichen über die Verhandlungsfortschritte und machten sie mit technischen Details und Notfallplänen vertraut.

Im Oktober 2018 wurde dann die nächste Stufe eingeleitet. Für jeden Geschäftsbereich wurden Projektverantwortliche benannt, die auf Basis eines detaillierten Fragebogens Informationen bei ihren Kunden sammeln und gemeinsam mit ihnen vorbereitende Maßnahmen erarbeiten sollten. „Wir sind davon ausgegangen, dass Unternehmen ohne Brexit-Strategie mindestens drei Monate brauchen, um „Brexit ready“ zu sein, so Sonja Holz.

Gewinner des Brexits

Wer zu den Gewinnern des Brexits gehören könnte, erfahren Sie in unserem Interview mit unserer Zoll-Expertin Sonja Holz.

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Zusätzliche Kosten sind nicht das Problem

Der letzte Schritt in den Vorbereitungen ist vor allem aufgrund der Umstände der schwierigste. Eine komplette Vorbereitung würde auch die umfassende Bereitstellung aller nötigen Dokumente für die Ein- und Ausfuhr von Waren beinhalten. Zurzeit arbeiten betroffene Unternehmen aber vor allem auf der Grundlage von Notfallplänen, da verbindliche Gesetze und Verfahren für die Zeit nach dem Austritt noch nicht vorliegen. Die unklare Gesetzeslage macht es für alle Beteiligten extrem kompliziert, sich auf die neue Situation vorzubereiten. Sollte es zum ungeregelten Brexit kommen, würden Waren und Güter, z. B. Kleidung bei einem zukünftigen Zollsatz von 12 Prozent liegen. „Die Kosten sind nur ein Aspekt im internationalen Warenverkehr, sie gehören im Handel zum üblichen Tagesgeschäft“, weiß Sonja Holz. Viel wichtiger sei die Handhabung der so genannten „nicht tarifären Handelshemmnisse“, beispielsweise Lizenzen, Standardisierung oder Inspektion: Welche Lizenzen muss man für die Einfuhr und Ausfuhr von Medikamenten vorhalten; oder bekommt man Waren noch mit CE-Kennzeichnung ins Land?

Diese und viele weitere Fragen sind bis heute einzig über Informationen und Übergangsszenarien geregelt und gelten nur für einen bestimmten Zeitraum nach dem harten Brexit, obwohl gerade diese Fragestellungen tiefgreifende Konsequenzen für Kunden und Dienstleister hat. Unternehmen, die sich nicht umfassend darauf vorbereitet haben, könnte es bei der Vielzahl an komplexen Prozessen und Richtlinien schnell kalt erwischen. Eine unzureichende Vorbereitung auf den Brexit kann sogar zu einem Wettbewerbsnachteil werden.

Trotz der prekären Situation warten viele Unternehmen noch die weitere Entwicklung ab. Eine Haltung, die laut Sonja Holz für Arvato Supply Chain Solutions nie eine Option war: „Der EU-Austritt von Großbritannien bedeutet nicht nur enorme Zeitverluste und zusätzliche Kosten, sondern vor allem komplexere Prozesse und mehr Bürokratie. Wir haben versucht, uns mit den bestehenden Mitteln und Informationen bestmöglich vorzubereiten. Unsere Kunden konnten uns vorab mitteilen, wie sich ihre Waren- und Finanzflüsse verändern. Gemeinsam haben wir dann bei Bedarf die Prozesse angeschaut und Lösungen entwickelt.“

Bei den Gesprächen häufig im Blickpunkt: das Thema Stammdatenmanagement. „Wie bei allen anderen Drittländern werden wir zukünftig weitere Dokumente ausfüllen und bearbeiten müssen, um überhaupt eine Zollanmeldung vornehmen zu können.

Wie das Setup für Großbritannien im Detail aussehen wird, ist allerdings noch völlig offen. Zwischen zwei und fünf zusätzlichen Dokumenten ist alles möglich“, erläutert Lisa Marx, Senior Manager im Customs & Trade-Team. Eine Herausforderung insbesondere für die Unternehmen, die keine eigene Zollabteilung haben und mit den gesetzlichen Anforderungen und Regeln nicht vertraut sind.

„Die Abwicklung von zollrechtlichen Angelegenheiten mit Drittländern wie beispielsweise der USA, Russland oder China ist für unsere Mitarbeiter Tagesgeschäft. Sie wissen genau, welche Dokumente vorbereitet werden müssen, wo und bis wann diese einzureichen sind und welche Besonderheiten zu beachten sind“, sieht Lisa Marx Arvato Supply Chain Solutions bestens darauf vorbereitet, auch die Anforderungen für Großbritannien zu erfüllen.

Um einen reibungslosen Datenfluss samt operativen Abläufen sicherzustellen, brauchen wir alle relevanten Informationen von unseren Kunden und die Unterstützung aller beteiligten Parteien. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, können wir diesen gewaltigen Change-Prozess erfolgreich bewältigen.

Lisa Marx
Senior Manager Customs and Trade bei Arvato Supply Chain Solutions

Mittlerweile hat Arvato Supply Chain Solutions Kunden aus verschiedensten Industrien „Brexit Ready“ gemacht. „Zuallererst müssen wir sicherstellen, dass das Geschäft unserer Kunden weiter funktioniert. Das hat Priorität“, erklärt Marc Hansmann, Group Controlling & Strategie bei Arvato Supply Chain Solutions, der übergreifend über alle Geschäftsbereiche die Brexit-Vorbereitungen koordiniert. „Insbesondere der Einfluss politischer Entscheidungen auf die Prozesse bei unseren Kunden, Transporteuren und weiteren Dienstleistern, stellt in diesem Projekt eine besondere Herausforderung dar.

Arvato profitiert bei diesen Herausforderungen vor allem vom eigenen Know-how, das in den vergangenen zehn Jahren industrieübergreifend sowohl in Logistik- als auch in Zoll- und Compliance-Themen aufgebaut wurde. „Wir bieten den Kunden damit sogar einen Mehrwert, den sie in dieser hohen Qualität bei keinem anderen Logistikdienstleister erhalten würden“, sagt Sonja Holz. „Gleichzeitig ist diese Verknüpfung von Logistik-Know-how und Zollexpertise für uns ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, das uns klar von Wettbewerbern im Markt abhebt.“

Ein gut vorbereiteter Dienstleister kann für Unternehmen also zu einem entscheidenden Vorteil werden. Während auf der einen Seite die Prozesse zügig und gezielt angepasst werden und das nötige Know-How bereits vorhanden ist, müssen Unternehmen, die sich nicht oder nur unzureichend mit dem Brexit beschäftigt haben, diesen Fehler zeit- und kostenintensiv korrigieren. So kann der Brexit für gut vorbereitete Unternehmen auch eine Chance sein.

Welche essentiellen Leistungen die Abteilung Customs & Trade von Arvato Supply Chain Solutions noch erbringt und warum sie in einigen Bereichen sogar Marktführer ist, lesen Sie hier.

Das Chaos umgehen

Im Laufe der europäisch-britischen Verhandlungen wurde festgelegt, dass der Warenverkehr für die roll on/off destination (Eurotunnel) an der Grenze abgefertigt werden muss, doch schon heute ist absehbar, dass es auf britischer Seite sowohl an Personal- als auch an IT-Kapazitäten mangeln wird, um die hohe Zahl an Zollanmeldungen bearbeiten zu können.

Ein Ausweg könnte darin bestehen, dass Unternehmen, die eine zollrechtliche Bewilligung haben, mit dem Lkw direkt zu ihrer Betriebsstätte fahren dürfen. „Damit würden wir von Arvato Supply Chain Solutions die Grenze quasi in unseren Betrieb nach Hams Hall verlegen und dort die Zollabfertigung erledigen. Das würde unseren Kunden enorm Zeit und Geld sparen“, sieht Sonja Holz Chancen, dem befürchteten Brexit-Chaos an der Grenze zu entgehen. Die dafür notwendigen Genehmigungen wurden bereits bei den britischen Behörden beantragt.

Der EU-Austritt Großbritanniens wird deutliche Spuren in der internationalen Logistik- und Transportbranche hinterlassen. Sonja Holz blickt trotzdem optimistisch in die Zukunft: „Unabhängig davon, wie sich die Situation entwickelt: Wir sind für jedes Szenario vorbereitet und werden unsere Kunden in dieser schwierigen Situation effektiv und nachhaltig unterstützen können.“

Kurz nachgefragt...

Patrick Corbett, Managing Director UK & Ireland bei Arvato Supply Chain Solutions

 

Patrick Corbett ist in Sachen Brexit mittendrin. Welche Herausforderungen ein harter Brexit mit sich bringen würde und wie Arvato Supply Chain Solutions als internationaler Dienstleister damit umgeht, erklärt er im Interview.

1.   Herr Corbett, weltweit wächst die Sorge vor einem harten Brexit. Welche Auswirkungen hätte dieser Schritt auf das Geschäft von Arvato in Großbritannien?

Ein harter Brexit bedeutet zweifellos erhebliche Risiken und potenzielle Störungen für die Lieferketten unserer Kunden. In Anbetracht der neuen und schwierigen Situation, insbesondere beim Warenimport und der Zollabfertigung, sind dann mit hoher Wahrscheinlichkeit kurzfristige Maßnahmen nötig, beispielsweise eine Erhöhung der Lagerbestände in Großbritannien oder die Verlagerung des britischen Vertriebs von zentralen EU-Standorten direkt in das Vereinigte Königreich.

2.    Wie hat sich Arvato Supply Chain Solutions in Großbritannien auf diesen Fall vorbereitet?

Wir arbeiten ausgesprochen eng mit den betroffenen Kunden zusammen, um mögliche Risiken zu minimieren. Unter anderem haben wir eine Handels-Taskforce eingerichtet, die prüft, welche Schritte im Fall eines No-Deal-Brexits unternommen werden können, um den Transport von Waren unserer Kunden in das Vereinigte Königreich zu optimieren. Wir haben uns mittlerweile gut aufgestellt und gemeinsam eine Reihe von kurz- und langfristigen Lösungen entwickelt, die uns in diesem Fall sicherlich nützlich sein werden.  

3.    Wie wichtig ist das Großbritannien-Geschäft für Arvato Supply Chain Solutions und welche Änderungen erwarten Sie nach dem Brexit?

Großbritannien ist einer der größten europäischen E-Commerce-Märkte und für alle unserer Kunden wichtig. Das wird auch nach der Brexit-Entscheidung so bleiben. Das bedeutet aber auch, dass wir möglichst schnell die Themen in den Griff bekommen müssen, die einen gewissen zeitlichen Vorlauf benötigen. Dazu zählen beispielsweise die rasche  Bereitstellung von weiteren Lagerflächen und die Entwicklung von innovativen IT-Lösungen für die Post-Brexit-Ära. Hier dürfen wir keine Zeit verlieren.